Kate Wessel

Hi, ich lasse mich Kate rufen, aber mein richtiger Name ist Katja. Ich bin 39 Jahre alt und Mutter zweier Söhne im Alter von 10 und 13 Jahren.
Schon als ich ein Kind war, war ich Mobbing und emotionalem Missbrauch ausgesetzt, wenn nicht von meinen Mitschülern, dann von meinen Eltern. In der Familie war ich das schwarze Schaf. Außerdem habe ich einen chronisch kranken Bruder, dessen Leben ständig am seidenen Faden hing. Als er eine Nierenteansplantation bekam, atmete die Familie auf, aber dafür mein Opa, der für mich eine wichtige Bezugspersonen war, nie wieder. Er ist nach einer plötzlichen schweren Krebserkrankung sehr schnell gestorben.

In der Teenagerzeit war ich stets ein Außenseiter, litt unter Esstörungen, Depressionen, PTBS und war auf therapeutische Hilfe angewiesen. Meine Mutter jedoch, die niemanden hatte, mit dem sie ihre traumatischen Erfahrungen der Vergangenheit (sexueller Missbrauch von ihrem Stiefvater und die Traumen rund um die Erkrankung meines Bruders) verarbeiten konnte belastete mich schwer mit ihrem Gefühlsleben. Der einzige Gedanke, der mich daran hinderte mich umzubringen war, dass meine Mutter mich brauchte. Ich lebte von dem Wunsch getrieben, meinem Bruder und meiner Mutter ihr Leid abnehmen zu können. Aus dem Trauma heraus und weil ich mich unfähig fühlte zu helfen fing ich an mich zu ritzen. Meine Mutter wurde gesünder, als es meinem Bruder besser ging. Sie hat völlig vergessen, wie sehr ich ihr beigestanden hatte und fing an mich zu schikanieren, wenn ich wegen meinen Depressionen weinte oder mich Mitschüler wegen meines Übergewichts gemobbt haben. Sie gab ihnen immer recht. Ich wurde deshalb anorektisch, weswegen sie mich auch mobbte. Trotzdem blieb meine narzisstische Mutter mein Vorbild und deswegen machte ich den groben Fehler und heiratete einen Mann, der auch ein Narzisst war. Ich wurde wieder übergewichtig und er machte mich vor Freunden, Familie und Fremden runter. Schließlich ging er mich auch körperlich und sexuell immer wieder an. Außerdem war ich sehr traurig darüber, dass mir Ärzte erzählten, ich könnte nicht schwanger werden. Mutter zu werden war immer mein größter Lebenstraum. Alles andere stellte ich hinten an, deswegen habe ich nach einigen erfolglosen Versuchen eine Ausbildung zu schaffen, nur eine Ausbildung als Kinderpflegerin geschafft. Was ich gut konnte, war als Ansprechpartnerin für Kinder und Jugendliche in verschiedenen Communitys z.B. Harry Potter, Gaming Communitys usw. da zu sein, ihnen zuzuhören und zu unterstützen. Später waren es auch Communitys in denen es um Kinderwunschbehandlung, Schwangerschaft und jungen Müttern ging.
Nachdem ich das erste Mal nach einer weiteren anorektischen Episode, die durch eine Bulimie abgelöst wurde, in der Psychiatrie behandelt wurde, trennte sich mein Mann von mir und zwei Wochen später, stellte ich fest, dass ich schwanger war. Um des Kindes Willen rauften wir uns wieder zusammen, auch wenn mein Exmann es mit der Treue nicht so ernst hielt und mich nicht aufhörte zu schikanieren.
Ich bekam meinen ersten Sohn und fast 3 Jahre später meinen zweiten Sohn. In dieser Zeit war ich durch die Montagearbeit meines Exannes meistens allein mit den Kindern, ich hatte jedoch einen Freundeskreis aus anderen Müttern und Freunden aus der Geneinde, wo ich damals noch Mitglied war. Es ging mir gut in dieser Zeit, allerdings war ich oft traurig darüber, wie kühl mich mein Exmann behandelte und dass ich ihm nie genügen konnte. Ich hatte ja auch durch die Schwangerschaften wieder zugenommen.
Als ich es schaffte wieder abzunehmen, bekam ich ein besseres Selbstbewusstsein und bot den Schikanen meines Exmannes die Stirn. Ich sah die Schikane nicht mehr ein. Er trennte sich von mir, eine Familientherapie lehnte er ab. Ich rutschte wieder in die Esstörung, doch weder meine Familie, noch die Familie meines Exmannes wollten Kinderbetreuung übernehmen, damit ich mich in einer Tagesklinik behandeln lassen konnte. Ich hatte damals einen Job in einem Kindergarten, arbeitete 38 Stunden die Woche und war allein für die Kinder verantwortlich. Schließlich verlor ich meinen Job. Ich hätte die Aussicht gehabt eine berufsbegleitende Ausbildung zur Erzieherin zu machen und nun blieb mir nicht mehr als Arbeitslosengeld, ein finanzielles Fiasko was mein Exmann mir hinterließ, eine Esstörung, die lebensbedrohliche Züge annahm, weil ich 4 bulimische Essanfälle am Tag hatte und trotz allem untergewichtig war. Außerdem vermutete ich von mir selbst eine ADHS Störung, die alles im Endeffekt noch chaotischer machte und den roten Faden des Chaos in meinem Leben irgendwie auch schlüssig erklärte. Ich kam darauf, weil ich mich sehr mit meinen Störungsbildern auseinander setzte und sich nicht wirklich alles mit einer emotional instabilen Persönlichkeitsstörung erklären ließ. Außerdem war ich von Kind auf besessen von Medizin. Ich wuchs als Kind damit auf, dass sich ständig irgendwer sich mit Medikamenten helfen ließ und außerdem auch damit, dass an meinem Bruder, der Dialysepatient wurde, als die Kinderdialyse sich in den Kinderschuhen befand, versuchsweise gefährliche Behandlungsmethoden über sich ergehen ließ, um weiterleben zu können. Ich erfuhr beiläufig von Stoffen, die das Hungergefühl dämpften und als mir in der Gemeinde solches angeboten wurde, glaubte ich einen winzigkleinen schwachen Moment an Gebetserhörung und glaubte, dass es legitim war, es mal auszuprobieren, wenn die Kinder am Wochenende bei ihrem Vater waren. Es war leider Amphetamin. Ich hatte nie Zeit zum Arzt zu gehen, aber was ich wusste war auch, dass Amphetamin auch gegen ADHS half. Deswegen glaubte ich, es wäre okay es zu versuchen.
Ich wollte meinen Appetit damit dämpfen, um keine Essanfälle mehr zu bekommen und mich an geregeltes Essverhalten zu gewöhnen. Ich war auffällig dürr und deswegen hatte auch schon der Kindergarten das Jugendamt zu mir geschickt. Ich spielte mit offenen Karten der Familienhilfe gegenüber, was ich rückblickend als größten Fehler meines Lebens betrachte. Nur einen Monat nach dem Geständnis und nach nur sehr geringen Konsum, landete ich als Junkie in der Psychiatrie. Ich habe wirklich nicht viel konsumiert. Natürlich sehe ich ein, dass das der falsche Weg war und dass das verantwortungslos gewesen ist, aber ich habe es ja auch eingesehen und sofort damit aufgehört. Es wurde nur schlimmer gemacht als es war. Mein Exmann schrieb mir in der Psychiatrie, dass ich meine Kinder jetzt nie wieder sehen würde. Die Familienhilfe begleitete trotzdem Umgänge. Mein Exmann beantragte auch das alleinige Sorgerecht bei Gericht. Ich war noch in der Psychiatrie, als der erste Gerichtstermin war und stimmte zu, dass meine Kinder bei meinem Exmann bleiben durften, bis ich wieder gesund war. Bis zum Schluss glaubte ich, dass meine Kinder wieder zu mir kämen, oder wenigstens ein Wechselmodell beschlossen wurde. Schlussendlich blieb es bei erweitertem Umgang, denn wir bezogen quasi gegenüber auf der gleichen Straße Wohnungen. Mein Exmann nutzte diese Situation aus, indem mich die Kinder sehen ließ, wen er mich für Sex benutzen durfte. Als ich dem Jugendamt dies mitteilte meinten sie dort, wir sollten unsere On-Off Beziehung lassen. Schlussendlich wurden wir geschieden und es blieb beim gemeinsamen Sorgerecht. Beim Gericht wurde rechtsbeugend von mir verlangt, dass ich zustimmen würde, dass der Lebensmittelpunkt bei meinem Exmann bleiben würde, ansonsten hätte ich das Sorgerecht verloren. Ich stimmte dem also keinesfalls freiwillig zu.
Mein Exmann hörte, im Bewusstsein seiner Machtposition mir gegenüber, nicht auf mich zu schikanieren und benutzte die Kinder dafür, oder er erzählte der Erziehungsberatung, ich hätte Drogen konsumiert, was überhaupt nicht wahr war. Ich habe nie wieder etwas angerührt, auch keinen Alkohol. Ich wurde wieder eingewiesen.
Die ständigen Schikanen gingen auch meinem jüngeren Sohn zu weit. Er wurde in der Schule stark verhaltensauffällig. Deshalb wurde er zur Diagnostik geschickt, neben einer ADHS Störung wurde,hieß es im Bericht, dass die Wohnortnähe beider Elternteile Schuld an der Sache wäre.
Ich ließ mir kurze Zeit später auch meine ADHS Störung diagnostizieren. Weder das familienpsychologische Gutachten, noch ein psychiatrisches Gutachten brachte dies zu Tage, nur dass ich bindungsintolerant war, nur weil ich nicht zusehen wollte, wie mein Exmann meinen jüngeren Sohn anfing physisch anzugehen. Ich meldete das beim Jugendamt, mit dem Ergebnis, das mein Exmann zwar zugab, dass er körperlich aggressiv gegen seinen von Wutsusbrüchen geplagten Sohn war, aber für diese Erziehungsmethode nur einen Rüffel bekam.
Durch eine Einstweilige Anordnung durfte mein Exmann mit meinen Kindern weit weg umziehen und schließlich verlor ich das Sorgerecht. Seitdem lebe ich von Erwerbsunfähigkeitsrente, besuche im Rahmen von Lt.24 eine tagesstrukturrierende Maßnahme und sehe meine Kinder nur eine Woche in den Ferien und jedes 2. Wochenende.
Vor Corona habe ich eine Singgruppe in der Tagesstätte geleitet und hatte auch Solo Auftritte als Sängerin, sowie mit der Singgruppe zusammen auf Events, denn singen war das, was mir immer über alles hinweg half. Mit Corona war das nicht mehr möglich.
Ich ließ mir ein Semikolon Tattoo stechen mit einer Note statt einem Punkt, nachdem ich Tote Mädchen lügen nicht anschaute. Eigentlich wollte ich ganz gerne in der Sozialpsychiatrie eine Art Selbsthilfegruppe/Treffpunkt für Jugendliche gründen, aber wegen Corona war das nicht der richtige Zeitpunkt.
Deshalb und weil das Programm in der Tagesstätte eingekürzt wurde, verbrachte ich mehr Freizeit mit Gaming. Ich wurde wieder schnell Ansprechpartnerin, besonders auch für jugendliche Mädchen, für die z.B. sexuelle Übergrifflichkeiten im Internet Alltag sind. Auch Jungen höre ich viel zu. Meine Schützlinge leiden oft unter Leistungsdruck, Depressionen, ADHS, Borderline, kiffen oder werden vernachlässigt. Ich gründete eine kleine Community und fing an Tiktoks zu machen. Mein Kanal explodierte schnell, aber im Allgemeinen finde ich, dass bei Tiktok unglaublich viele junge Leute zu finden sind, denen es psychisch sehr schlecht geht und die keine adäquate Hilfe bekommen. Manchmal glaube ich sogar, dass einiges auf Tiktok sogar sehr triggert. Aus dem Grund würde ich gerne einen Account fürs Semikolon Project Germany erstellen, damit die vielen Kids da draußen auch bei Tiktok wissen, wohin sie sich wenden können. Ich könnte auch meinen gut besuchten Account nutzen, um auf das Semikolon Tattoo Project aufmerksam zu machen, aber dort werden vorzugsweise nur Kids angesprochen, die gleichzeitig auch Fortnite zocken.
Ich hoffe sehr, dass sich hier die Möglichkeit ergibt, dieses Projekt umzusetzen. Natürlich bin ich auch in der Facebookgruppe vom Semikolon Tattoo Project Germany und habe dort in Videocalls Raum und Ansprechpartner gefunden, aber bei Facebook sind mehr Erwachsene.
Ich würde mich sehr über eine positive Rückmeldung freuen.

Liebe Grüße
Kate

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